Eine galaktische Odyssee – Teil 1

Prolog

Sein Multifunktionsarmband zeigte den 03. Oktober 2039 an. „Drei Jahre! Nein, drei Jahre, zwei Monate, vier Tage und fünf Stunden“ korrigierte sich Qurban Akintola in Gedanken. „Seit über drei Jahren habe ich keine vernünftige Mahlzeit mehr gesehen. Immer nur dieser elende Nährbrei.“ Er musste sich zwar eingestehen, dass der Nährbrei durchaus wohlschmeckend war, allerdings gab es auch für wohlschmeckende Dinge eine Grenze des Erträglichen und diese war schon längst überschritten. Er sehnte sich nach Suya oder nach den Kochbananen seiner Mutter. Noch mehr sehnte er sich nach köstlichem Zobo, welches mit seinem unverwechselbaren Geschmack seine Kehle erfrischte.

Die Sonne! Wie lange hatte er kein echtes Sonnenlicht mehr gesehen, geschweige denn das der irdischen Sonne? Hatte er das Schiff während der letzten drei Jahre verlassen dürfen? Er erinnerte sich nicht daran. Er hätte nicht einmal zu sagen gewusst, wie lang er tatsächlich schon auf diesem Alptraum unfreiwillig mitflog und mit widerwärtig wohlschmeckendem Nährbrei gefüttert wurde, wenn ihm sein Multifunktionsarmband, welches sie ihm erstaunlicherweise gelassen hatten, dies nicht bis auf die Sekunde genau angezeigt hätte. Mit nahezu hämischer Präzision sprangen die Sekunden weiter.

Qurban vermisste seine Heimat und er vermisste sogar Kaduna, diesen menschenverzehrenden Moloch im Herzen von Nigeria.

Wie so oft versank er grübelnd in Erinnerungen und verfluchte seine Situation. Erst nach mehreren Minuten bemerkte er das Wesen, welches sich durch den offenen Torbogen seiner „Suite“ gezwängt hatte. Als er ein lautes Brummen in seinem Rücken vernahm, drehte sich Qurban um.

„Rekotook! Du sollst dich nicht an mich heranschleichend verdammt!“ schrie er erschrocken, als er den Naat sah.

„Verzeih Qur, aber du weißt selbst, dass ich nicht eben gut im Schleichen bin. Du warst gedanklich in der Heimat?“ fragte der fast drei Meter große, breitschultrige Koloss überraschend einfühlsam.

Qurban zögerte. Er sprach nicht gern über seine Gefühle und Gedanken. Auf der anderen Seite war Rekotook das einzige Wesen an Bord der RESAG-NAMALET, das der Bezeichnung „Freund“ zumindest nahe kam. Trotz der Tatsache, dass er den Naat inzwischen seit knapp zwei Jahren kannte und schätzte, war er immer wieder erstaunt, wie empathisch der Riese aus diesem eigentlich kriegerischen Volk sein konnte.

„Ich habe den Geschmack des Zobo fast schon auf der Zunge gespürt bevor du mich zu Tode erschreckt hast, du Trampel! Ja, ich habe an Terra und vor allem an meine Heimat gedacht.“

„Ich bin offensichtlich auch im „zu-Tode-erschrecken“ schlecht. Du lebst ja noch!“ Erwiderte Rekotook sichtlich irritiert ob der terranischen Redewendung.

„Vergiss es. Was sagt der Buschfunk? Wann haben wir die nächste Chance es zu versuchen?“

„Meine Quellen behaupten, dass die RESAG-NAMALET in weniger als drei Terratagen einen Planeten namens Bashrun erreicht. Wenn unsere Gastgeber Besun jagen, graben wir uns in den Staub!“

„Machen wir uns AUS dem Staub!“ korrigierte Qurban. „Du würfelst mal wieder meine Sprichwörter mit deinen Vorlieben durcheinander Sandwurm!“

Als der Naat nichts erwiderte, überlegte Qurban kurz. „Gut, gut, dann hol den alten Stinker, damit wir unseren Plan noch einmal durchgehen können.“

Rekotook drehte sich um und ging mit großen Schritten in Richtung Schiffsmitte davon um den Dritten im Bunde der Verschwörer zu suchen. Qurban wusste, dass drei Tage nicht viel Zeit waren um ihren Plan vorzubereiten. Aber auf der anderen Seite hatten sie keine Ahnung, wann sich die nächste Möglichkeit ergeben würde. Sie mussten alles auf eine Karte setzen, ungeachtet der durchaus realistischen Gefahr zu scheitern. Qurban Akintola wollte jedoch kein „Besun“ mehr sein, er wollte Freiheit und er wollte Sonnenlicht sehen, egal von welcher Sonne es stammte!

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